Soller Hafen

Die letzten Tage auf der spanischen Insel

Schon vor dem Frühstück muß ich feststellen, dass das Älterwerden seine Spuren hinteräßt. Ich sitze so auf dem Bett, säubere mein Taschenmesser, mit dem wir immer das Brot und den Käse auf unseren Wanderungen schneiden, und frage mich plötzlich, was da für Hautfetzen an meinem Finger hängen.

Erschrocken stelle ich fest, dass ich mich tatsächlich geschnitten habe! Habe ich gar nicht gemerkt. Die ersten Anzeichen von Senilität, oder leide ich bereits an einer Nervenkrankheit, so dass ich den Schmerz gar nicht mehr fühlen kann? Irgendwann in den vergangenen Tagen ist es mir auch passiert, dass ich das Messer verkehrt herum zuklappen wollte. „Warum funktioniert das nicht?“ dachte ich noch, als ich schließlich sah, wie ich mit Kraft auf die Schneide drückte. Wenn die schärfer gewesen wäre, hätte ich mir glatt die ganze Handfläche aufgeschnitten… Ich darf gar nicht dran denken. Alzheimer läßt grüßen, und leise rieselt der Kalk…

Apropos „alt“: In dieser ersten Woche meines Daseins als Dreißigjähriger haben sich tatsächlich einige Wehwehchen eingestellt, die für mich neu waren: Zum einen diese dicke Blase am rechten Hacken, womit ich noch nie Probleme hatte; dann diese roten Pusteln auf den Unterarmen. Birgit meinte, das sei eine Sonnenallergie. Habe ich auch noch nie gehabt! Geht’s jetzt los? Zum Glück haben die rötlichen Punkte heute morgen schon wieder etwas nachgelassen.

Leuchtturm SollerHeute mittag müssen wir unseren schnuckeligen Mietwagen wieder abgeben. Um ihn wenigstens noch etwas nutzen zu können, fahren wir die kurze Strecke bis zum Leuchtturm hinauf, klettern dort über den Zaun (dort ist eine kleine Leiter, was bedeutet, dass man das ruhig darf) und spazieren auf einem schmalen Pfad hoch über der Küste gen Westen. Wir schlagen uns durch üppiges Grün, pausieren mittendrin auf einem sonnigen Felsen, und machen uns schließlich wieder auf den Rückweg.

Um 13 Uhr sind wir wieder im Hotel, aber wie wir schon fast befürchtet haben, kommt niemand, um den Wagen in Empfang zu nehmen. Eine Stunde später schließlich schreibe ich einen Zettel mit dem Hinweis auf die kaputten Türschlösser, hefte den Schlüssel daran und drücke ihn dem Hotelchef in die Hand. Wir warten nicht länger, sollen die doch zusehen, was sie mit dem Wagen machen!

Soller InnenstadtWir haben Hunger und machen uns auf in den Ort. Heute ist es ganz besonders warm, und am Strand vor der neuen Promenade liegen schon die ersten Sonnenanbeter im Sand. Zwei Jugendliche kämpfen sich auf Surfbrettern durch die wenigen Wellen, die hier heranrollen. Das Ristorante „Randemar“ an der Hauptstraße spricht uns sehr an, und wir bestellen uns standesgemäß Pizza. Die meine finde ich nur leidlich gut, so Durchschnitt halt, aber Birgit ist begeistert von ihrer Frutti di Mare. Was uns aber am meisten beeindruckt, ist die Bestrahlung durch den Licht- und Hitzespender am Himmel. Da wir uns unbedingt draußen hinsetzen wollten, mußten wir notgedrungen einen Tisch nehmen, der in der prallen Sonne steht. Das bekommen unsere Köpfchen dann auch zu spüren…

Um die gesammelte Hitze zu kompensieren, gönnen wir uns im fast benachbarten Eiscafé einen großen Eisbecher. Jedenfalls verspricht das das Bild auf der Karte. Das größte an diesem Eis ist jedoch die Portion Sahne obendrauf. Die vielleicht zwei verirrten Kugeln Eis, die wir in unseren Bechern finden, zerlaufen schon fast. Nein, so gut ist das Eis wirklich nicht, aber da mir das ja alles nichts ausmacht, esse ich Birgits Portion auch noch ein Stück mit.

Da haben wir wieder so einige Kalorien gebunkert. Um die abzuarbeiten, schlendern wir noch ein wenig durch den Ort und kraxeln die steilen Treppen in der neuen Wohnsiedlung hinauf, die direkt am Hang hinter Puerto Soller liegt. Vielleicht können wir von dort oben noch einen schönen Blick die Küste entlang nach Osten erhaschen und die letzten Bilder verknipsen… „Ja, wo ist denn eigentlich mein Fotoapparat?“ fragt Birgit da unvermittelt und stutzt. Zum letzten Mal haben wir den im Ristorante gesehen, wo wir ihn auf den Stuhl neben uns gelegt haben. Da haben wir ihn dann wohl auch liegen lassen. Birgit wird ganz traurig; wir rechnen nicht damit, dass der Apparat noch da ist oder dass ihn jemand abgegeben hat. Aber einen Versuch ist es wert. Da wir uns sowieso so langsam auf den Rückweg machen wollten, kehren wir zurück zu der Pizzeria – und tatsächlich: Glücklich kann Birgit ihren Apparat entgegennehmen; er ist tatsächlich abgegeben worden. Es gibt also doch noch nette Mit-Touristen…

Strand bei SollerAls wir im Hotel zurück sind, ist mir plötzlich ganz schlecht. Das kommt bestimmt von dem üblen Eis! Siehste, sage ich zu Birgit, mein Kuhmagen ist mit Dreißig auch nicht mehr das, was er mal war! Ein kleiner Schluck von dem Hierbas, den wir uns im Supermarkt gegönnt haben, hilft nicht besonders. Mein eigentliches Geheimrezept ist da schon eher eine Cola, die ich mir dann auch unten von der Theke hole. Ja, danach geht es mir schon besser…

Zum Abendessen gehen wir heute nicht, wir sind noch pappsatt von heute nachmittag, und ich will meinen Magen nicht mehr strapazieren. Stattdessen gehe ich noch etwas an die frische Luft, um meinem kleinen Bruder telefonisch zum Geburtstag zu gratulieren; heute wird er fünfzehn, halb so alt wie ich! Heute abend ist es zum ersten Mal auch zu dieser Tageszeit noch herrlich mild draußen, man kann bequem im T-Shirt herumspazieren. Eigentlich ein herrlicher Abend, um am Strand noch eine Flasche Wein zu köpfen. Aber Birgit hat sich schon bettfertig gemacht, und so spielen wir an unserem vorerst und für dieses Jahr letzten Abend auf der Insel noch eine Partie Siedler von Catan…

Ach ja: Unser Mietwagen ist in der Zwischenzeit offensichtlich abgeholt und anstandslos mitgenommen worden, teilte uns der Hotelchef mit. Bin mal gespannt, ob wir von dem Vermieter noch etwas hören…

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