Geburtstag feiern auf Mallorca

Es ist schrecklich, jede Nacht dasselbe: Immer wenn ich mich umdrehe in meinem Bett, werde ich wach, schlafe dann aber sofort wieder ein. Diese Bettgestelle sind echt gewöhnungsbedürftig.

Etwas anderes fällt mir noch ein. Da war heute doch was…?!

Uah, ja sicher, es ist soweit: Heute bin ich dreißig! Der Schock überkommt mich wie ein kalter Hagelschauer und läßt mich schwer auf das Kopfkissen zurückfallen. Erste Depressionen überfallen mich, und meine Gedankenwelt wird düster… Nein, nein, reingelegt, so schlimm ist es ja auch nicht! Stattdessen gratuliert mir Birgit lieb und meint, ich solle die Augen noch mal schließen. Das tue ich natürlich gerne und harre der Dinge, die da kommen mögen… Als ich dann wieder Licht in meine Pupillen lassen darf, erwartet mich eine süße Überraschung: Birgit präsentiert mir ein Yes-Torty mit Kerze – woher sie diese Idee nur hat…? Dazu gibt es für mich ein Diddl-Kartenspiel, das wir sofort liebevoll „Kaktus-Jack“ nennen. Damit kann ich mich wieder jung fühlen!

Und was sagt Birgit dazu, dass ich jetzt 30 bin? Ich wirke erwachsen, meint sie nur. Das will ich aber doch gar nicht… Nun ja, die Welt dreht sich immer noch, und die Dusche hat Probleme, meinen alten Körper mit warmem Wasser zu erfreuen.

Heute morgen um 10 Uhr sollen wir unseren Mietwagen erhalten. Nach dem Frühstück – ich habe festgestellt, dass der Kaffee mit Milch aus der Kanne genial schmeckt, nicht so wie der Automaten-Milchkaffee gestern – warten wir ungeduldig in der Halle des Hotels. Es wird elf Uhr, und die Hotelbesitzerin macht uns Mut mit ihrer Mitteilung, dass die Autolieferungen aus Palma immer so einige Zeit brauchen. Netterweise bietet sie uns an, beim Vermieter anzurufen, um nach dem Verbleib des Wagens zu fragen. Sie erfährt, dass der Wagen um 12 Uhr hier sein soll. Na, dann Mahlzeit. Uns bleibt nichts anderes übrig als zu warten. Indes beginne ich, mein Buch über den West Highland Way in Schottland durchzuarbeiten, den ich im Juni wandern möchte.

12 Uhr ist längst vorbei, als ich mich dann auch bequeme, beim Vermieter anzurufen. Ich solle ihnen noch eine Viertelstunde geben, was ich dann großzügigerweise auch tue. Ich bin ja gar nicht so. Und außerdem nun 30. Da muß man schon auf seine Gesundheit und die Nerven achten.

Draußen ist wieder einmal phantastisches Wetter, und ich gehe hinaus, um den Blick über die ruhige Bucht von Puerto Soller zu werfen. Kaum zwei Minuten später ruft Birgit mich wieder hinein – unser Wagen sei da. Ich stutze – ich habe doch nur einen Opel Tigra kommen sehen. Wie sich herausstellt, ist dies aber unser Mietwagen; ein Corsa war nicht frei.

Der Mensch, der ihn uns gebracht hat, ist genau das, was ich mir unter einem typischen Spanier vorstellen würde. Braungebrannt, mit etwas Bauch, reagiert er überhaupt nicht auf unsere Anspielungen, dass er sich ja nun etwas verspätet hat. Wir klären die Formalitäten, dann werfen wir unsere vorbereiteten Rucksäcke und Jacken in den Wagen und fahren los.

FornalutxBirgit lenkt den Wagen sicher über die ungewohnt kurvenreiche Straße nach Fornalutx, dem preisgekrönten „schönsten Dorf Spaniens“. Hier ist die ganze Straße, übrigens die einzige, die durch den Ort führt, links und rechts zugeparkt, und wir haben Mühe, um die engen Kurven herumzukommen und bei plötzlichem Gegenverkehr nicht an einer Hausecke hängenzubleiben. Ja, das ist schon ein etwas anderes Autofahren als bei uns in Deutschland. Wir finden keinen Parkplatz und sind blitzschnell wieder aus dem Ort heraus. Birgit meint dann, das sei nichts für sie, und ich solle doch fahren.

Nach dem Plätzetausch kehren wir um und fahren dann die C710 weiter bis zum Mirador de Ses Barques, einem beliebten Ausflugsziel und Aussichtspunkt mit Blick über die Bucht und den Hafen von Soller. Von hier kann man eine Wanderung unternehmen, die bis nach Sa Calobra führt. Diese wollen wir ein Stück weit gehen, aber erst stärken wir uns in dem Restaurant, das hier ganz unscheinbar unter der Aussichtsplattform liegt.

Wir treten ein und finden uns inmitten einer Riesenmenge Spanier wieder. Die halbe Insel scheint auf einem Familienausflug hier eingekehrt zu sein. Es ist unheimlich laut; die Mallorquiner scheinen sich nicht zu unterhalten, sondern sich anzuschreien.

Fornalutx AussichtWir finden Platz an dem anscheinend einzigen noch freien Tisch, und ich genieße eine hiesige Spezialität: Schweinelende mit Kohl – wirklich ganz ausgezeichnet. Birgit ist mit ihrem Steak auch recht zufrieden. Mandelkuchen rundet das Geburtstagsmahl ab, und derart gestärkt machen wir uns auf den Weg und folgen dem Wegweiser Richtung Cala Tuent. Anfangs haben wir noch befürchtet, wir könnten trotz guter Beschreibung aus dem Reiseführer den Weg verfehlen, aber wir brauchen uns keine Sorgen zu machen. Wir passieren einige hölzerne Tore, marschieren über steinige Wege in ein reich mit Olivenhainen bewachsenes Tal hinter einem alten Gehöft. Hier machen wir Pause abseits des Weges und schälen uns einige der Orangen, die wir gestern auf dem Markt in Soller erstanden haben. Mmh, sind die lecker. Die duften schon ganz anders als die Früchte, die man in Deutschland kaufen kann!

Cala TuentDer Weg führt von hier aus tief in das Tal hinunter, und wir beschließen, an diesem Punkt lieber kehrt zu machen. Wir wollen noch ein Stückchen weiter fahren und uns die Bucht von Sa Calobra anschauen, wenn wir sie schon nicht zu Fuß erreichen werden. Dazu wäre es heute eh’ zu spät.

Um kurz vor fünf fahren wir weiter auf der Straße Richtung Norden, winden uns die engen Kurven hoch, durchqueren einen Tunnel und passieren bald die beiden Stauseen Cúber und Gorg Blau. Beim Anblick des letzteren wird einem sofort klar, wo er seinen Namen her hat. Hinter einem weiteren Tunnel biegen wir an einem Kiosk links ab auf die Straße nach Sa Calobra. Hier erwarten uns 12 Kilometer enge Serpentinen, die man laut Reiseführer am Vormittag meiden sollte, wenn die vielen Reisebusse unterwegs sind.

Nun, es ist wirklich eng hier, und wir müssen noch einigen Bussen Platz machen, die uns entgegenkommen. Aber wirklich dramatisch wird es eigentlich nie. Die Strecke zieht sich hin, und endlich erreichen wir den fast leeren Parkplatz oberhalb der Bucht von Sa Calobra. Das einzige, was wir hier sehen, sind einige wenige Touristen, ein Hotel und ein Restaurant. Wir spazieren an der Promenade entlang, die hoch über der Wasseroberfläche an der Küste entlangführt, durchqueren zwei mannshohe, dunkle und feuchte Tunnel und erreichen den eigentlichen Badestrand von Sa Calobra. Hier beginnt – oder endet – einer der schwierigsten Wanderwege auf Mallorca. Vielleicht gehen wir ihn ein anderes mal…

Die Bucht liegt schon längst im Schatten, und es beginnt zu dämmern. Da hier doch nichts mehr los ist, machen wir uns auf den Rückweg, um rechtzeitig zum Abendessen wieder im Hotel zu sein. Es ist schon ein merkwürdiges Gefühl, im Dunkeln die unbekannten Kurven hinauf und hinunter zu fahren; man denkt stets, man fährt viel zu schnell. Aber wir kommen natürlich heil an und lassen uns beim Abendessen wieder von unseren Tischnachbarn mit Erzählungen über diverse Fluggesellschaften berieseln. Ein recht guter Rotwein aus dem nahen Orient-Tal – der Vino Orient – tut sein übriges. Mit einer gewissen Rotweinschwere spielen wir noch eine Runde Kaktus-Jack und fallen dann in die Kissen.

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